Digitale Wirtschaft: Die Nachrichten vom Tod von Software sind übertrieben
Die Angst, dass immer leistungsfähigere Künstliche Intelligenz (KI) die Dominanz grosser IT-Unternehmen gefährdet, hält die Märkte in Atem. Doch ist die Software-Branche tatsächlich dem Untergang geweiht? Bertrand Born und Luca Menozzi sind dieser Frage auf den Grund gegangen – und sind allen Befürchtungen zum Trotz auf spannendes Anlagepotenzial gestossen.
Bertrand Born Lead-Portfoliomanager, und Luca Menozzi, Portfoliomanager
Drei Merkpunkte zu den Chancen, welche die KI-Umwälzungen im Software-Sektor bieten:
- Die Angst vor dem «Tod von Software» erscheint uns übertrieben. Indes, KI pflügt die Software-Industrie um, und Anlegerinnen und Anleger sollten bei der Auswahl von Titeln wählerisch sein.
- Zwar hat der zeitweilige Ausverkauf von Software-Aktien teils für attraktive Bewertungen gesorgt. Unserer Meinung nach bietet aber nicht jeder Papier Potenzial: Während Software-Anwendungen und IT-Dienstleistungen die Disruption droht, könnten bestimmte Arten von Software-Infrastruktur mit einem beschleunigten Wachstum punkten.
- Nachhaltige Anlagechancen rund um KI erkennen wir insbesondere in folgenden drei Themenbereichen: digitale Infrastruktur, digitale Sicherheit sowie digitale Ermächtigung.
Wenn Jensen Huang das Wort ergreift, hängen ihm Anlegerinnen und Anleger an den Lippen: Schliesslich gelten die Ansichten des CEO von Nvidia, einem führenden Hersteller von Rechenchips für Künstlicher Intelligenz (KI), als richtungsweisend für den gesamten Technologie-Sektor. Doch diese eine Aussage Huangs hat wohl bei so manchen Staunen hervorgerufen: «Dies sind grossartige Zeiten für Software-Unternehmen», erklärte der Manager jüngst an einem an Branchenanlass.
Warum stellt KI die Software-Industrie auf den Kopf?
Grossartige Zeiten? KI-Anwendungen erobern den Markt mit rasantem Tempo: Das KI-Modell ChatGPT beispielsweise brauchte nur fünf Tage, um 1 Million Nutzer zu gewinnen (siehe Grafik unten). Die mit dem Boom verbundenen Umwälzungen stellen nun auch die Software-Branche auf den Kopf – die Technologie wirkt sich dabei gleich mehrfach auf die lange erfolgsverwöhnte Industrie aus.
- Substitution: Manche Anwendungsbereiche für Software dürften unserer Meinung nach durch KI vollständig ersetzt werden. So lassen sich Bilder jeder Art auf der Basis von Prompts erstellen, wodurch hier weniger spezialisierte Software verwendet werden dürfte. Ähnliches gilt für Apps zum Erlernen von Fremdsprachen, für die Buchhaltung oder das Schreiben von juristischen Texten.
- Vibe-Coding: KI-gestützte Large-Language-Modelle (LLM) sind, wie es der Name besagt, Experten für Sprachen. Und Codes sind im Wesentlichen Sprachen. Entsprechend können Nutzerinnen und Nutzer die gewünschte Software direkt von KI erstellen lassen. Dies mit oftmals besserem Resultat, als wenn sie Softwareentwickler aus Fleisch und Blut programmiert hätte.
- Disruption von Geschäftsmodellen: Noch deutlich über Chatbots hinaus reichen die Fähigkeiten von KI-Agenten: Sie können ihre Aufgaben weitgehend autonom ausführen, ohne das Zutun menschlicher Nutzerinnen und Nutzer. Damit könnten herkömmliche, personenbasierte «Software Seat»-Preismodelle zunehmend obsolet werden. Die Zukunft dürfte stattdessen verbrauchs- oder ergebnisorientierten Geschäftsmodellen gehören. Angestammte Geschäftsmodelle in den Bereichen «Software as a Service» (SaaS) und IT-Beratung dürften damit ebenfalls leiden.
Alle oben genannten Faktoren belasten die Zukunftsaussichten der Software-Industrie – und haben deren Aktienkurse bereits massiv unter Druck gebracht. Allein im vergangenen Februar wurden zeitweilig mehr als USD 1 Billion an Buchwert vernichtet; an den Märkten geht seither die Angst vor dem «Tod von Software» um.
Rasante Verbreitung von KI-Modellen (verstrichene Zeit bis zum Erreichen der 1-Million-Nutzer-Marke)
Mittlerweile tasten sich Anlegerinnen und Anleger aber wieder vorsichtig an Software-Werte heran. So ist das Branchen-Barometer S&P North American Expanded Technology Software Index seit seinen Tiefstständen vom vergangenen April um mehr als 40 % gestiegen. Aufgrund gemischter Unternehmenszahlen musste der Index allerdings einen Grossteil seiner Zugewinne wieder hergeben. Auf Stufe einzelner Branchenbereiche erwies sich die Entwicklungen als differenzierter: Die Kurse von Anwendungssoftware erholten sich kurzzeitig, gaben dann aber erneut nach. Dies, da weiterhin Unsicherheit bezüglich einer Disruption durch KI besteht. Unterdessen hat der Bereich Infrastruktur-Software um rund 45 % zugelegt (siehe Grafik unten).
Um einen berühmten Satz zu paraphrasieren, der oft dem Schriftsteller Mark Twain zugeschrieben wird: Die Berichte über den Tod der Software scheinen stark übertrieben gewesen zu sein.
Infrastruktur-Software-Aktien erfreuten sich hoher Nachfrage (indexiert, Performance in USD und %)
Wie lassen sich die durch KI ausgelösten Veränderungen in der Software-Industrie navigieren?
Mehr noch: nach dem breiten und in einigen Fällen ungerechtfertigten Ausverkauf von Software-Aktien sind wir der Ansicht, dass es in vielen Bereichen der Branche attraktive Investmentchancen gibt – auch aus nachhaltiger Anlageperspektive. Wegen der erhöhten Volatilität und den grossen Unterschieden in der Aktien-Performance ist es aus unserer Sicht aber mehr denn je nötig, die vom KI-Boom ausgelösten Umwälzungen sorgfältig zu navigieren: Auch wenn die Software-Branche nicht untergeht, dürfte sie sich grundlegend verändern.
Anlegerinnen und Anleger müssen zudem sehr selektiv vorgehen und sich bewusst sein, dass Software nicht gleich Software ist. Vielmehr hängt das Ausmass der durch KI verursachten Disruption davon ab, wo sich ein Unternehmen im Universum befindet – je höher in der Orchestrierungsebene, desto grösser ist unserer Meinung nach das Disruptions-Risiko. Umgekehrt gilt: je tiefer eine Unternehmung in der Datenschicht angesiedelt ist, desto widerstandsfähiger ist sie gegenüber KI; solche Firmen könnten dann sogar von der Verbreitung der Technologie profitieren.
Wo sehen wir nachhaltige Anlagechancen im Bereich KI?
Darüber hinaus bietet das rasante Wachstum der KI nicht nur zahlreiche Chancen für die Software-Branche selbst, sondern auch für ihre Zulieferer und verwandte Wirtschaftssektoren. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass diese zukunftsweisende Technologie immer mehr Rechenkapazität benötigt (siehe Grafik unten), was wiederum erhebliche Investitionen in die digitale Infrastruktur erfordert. Wir sehen zudem erhebliches Potenzial in den Bereichen digitale Sicherheit sowie digitale Befähigung.
Rechenintensive KI (monatlich verarbeitete Anfragetoken bei Google, in Mrd.)
Unserer Meinung nach bieten Unternehmen aus diesen Themenbereichen nicht nur ein überdurchschnittliches Wachstumspotenzial. Sie können mit ihren Produkten und Dienstleistungen auch dazu beitragen können, die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu adressieren. Dies sind gleichzeitig die Subthemen des strukturellen Trends hin zur digitalen Wirtschaft, wie wir ihn in unserer Swisscanto Themenstrategie definieren:
- Digitale Infrastruktur: Vom KI-Boom profitieren nicht nur die Zulieferer von Hochleistungs- und Speicherchips sowie von Grafikkarten, sondern auch Unternehmen aus den Bereichen Netzwerktechnik und Stromversorgung. Wie wir bereits analysiert haben, erweist sich der Ausbau von KI-Rechenkapazität als wichtiger Treiber für den Trend hin zur Elektrifizierung. Nicht zuletzt dürften auch Anbieter von Infrastruktur-Software auf Rückenwind hoffen – zu denken ist da etwa an die Bereiche Datenbanken und -verarbeitung.
Unternehmensbeispiel: Datadog betreibt eine Plattform zur Echtzeitüberwachung der gesamten IT-Infrastruktur und aller Softwareanwendungen von Unternehmenskunden. Der Dienst richtet sich an Entwickler, IT-Betriebsteams und Anwender, die an der digitalen Transformation und der Cloud-Migration beteiligt sind.
Bezug zu SDGs: SGD 7 Bezahlbare und saubere Energie; SDG 9 Industrie, Innovation und Infrastruktur
- Digitale Sicherheit: Die Schlagzeilen um das vom US-Unternehmen Anthropic entwickelte Cybersicherheits-Modell Mythos zeigen, welchen Stellenwert Cyberrisiken angesichts des KI-Booms zukommt. In unserer Swisscanto Strategie setzen wir auf Unternehmen, die einen Beitrag leisten, widerstandsfähige und ressourceneffiziente Infrastrukturen aufzubauen.
Unternehmensbeispiel: Palo Alto Networks zählt zu den weltweit führenden Cybersicherheits-Unternehmen weltweit und konnte bislang auch mit einer relativ hohen Eigenkapitalrendite-Punkten. Lösungen des US-Unternehmens versprechen, kritische Infrastruktur von Cyberangriffen zu schützen.
Bezug zu SDGs: SDG 9 Industrie, Innovation und Infrastruktur
- Digitale Befähigung: Zu diesem Subthema der digitalen Wirtschaft zählen wir Unternehmen, die mit digitalen Technologien wie E-learning oder Robotik helfen, Wissen zu verbreiten. Damit können sie die Produktivität ihrer Kundinnen und Kunden und sowie das Wirtschaftswachstum unterstützen.
Unternehmensbeispiel: Fanuc ist einer der global führenden Hersteller von Industrierobotern. Durch Fabrikautomatisierung lassen sich der Material‑ und Energieverbrauch pro produziertes Bauteil reduzieren. Das japanische Branchenschwergewicht zeichnete sich zudem durch hohe Margen im Peer-Vergleich aus.
Bezug zu SDGs: SGD 3 Gesundheit und Wohlergehen; SDG 8 Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
Unser Fazit:
Auch wenn die Angst vor dem «Tod von Software» übertrieben scheint, dürfte die rasante Verbreitung von KI die Industrie grundlegend verändern. Segmente wie Software-Programmierung oder IT- und Daten-Dienstleistungen sind damit unserer Meinung nach Disruptions-Risiken ausgesetzt. Umgekehrt ergeben sich aus nachhaltiger Anlagesicht Chancen in den Themenbereichen digitale Infrastruktur, digitale Sicherheit sowie digitale Befähigung. Ein erfahrenes Portfoliomanagement und ein regelbasierter Nachhaltigkeits-Ansatz können hilfreich sein, dieses Anlagepotenzial zu realisieren.
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