Verbrennerverbot – Auswirkungen auf Autoaktien
Autobauer befinden sich in herausforderndem Terrain. Nun kommt das kürzlich von der Europäischen Union erlassene Verbrennerverbot erschwerend hinzu. Was heisst das für die Autobauer im Allgemeinen und deren Aktien im Speziellen?
Text: Diego D'Argenio und Manuel Renz
Autobauer standen in den vergangenen drei Jahren gleich vor mehreren Hindernissen. Die Volumenproduktion brach teils um mehr als 20 Prozent ein, die Rohstoffpreise kletterten partiell auf Rekordhöhen, die Corona-Pandemie verursachte Lieferengpässe und gleichzeitig nimmt die Nachfrage nach elektrischen Fahrzeugen sprunghaft zu. Immerhin: Die Anzahl produzierter Automobile auf globaler Ebene gewinnt wieder an Fahrt. Bis Ende des laufenden Jahres ist wieder mit einem Produktionsniveau von vor der Pandemie zu rechnen.
Europäische Autobauer meisterten diese Hindernisse bravourös. So kletterte der Umsatz des gesamten Sektors in den vergangenen zwei Jahren im Durchschnitt um 15 Prozent und die Gewinnmargen kamen deutlich über jenen aus 2018 bis 2020 zu liegen:
Diese Ergebnisse wurden mittels einer Kombination aus höheren Autopreisen und guter Kostendisziplin erzielt. Sie stehen für ein gutes Krisenmanagement angesichts des schwierigen Marktumfelds der vergangenen Jahre.
Künftig dürfte das Tempo indes gedrosselt werden. Der Marktkonsens erwartet für die nächsten drei Jahre eine Normalisierung des Umsatzwachstums auf 3,3 Prozent pro Jahr. Interessanterweise rechnet der Markt, dass die Unternehmen trotz schwächerer Einnahmen ihre Profitabilität auf hohem Niveau halten. Das war mit ein Grund, weswegen sich Autoaktien relativ gut entwickelten (Outperformance seit Jahresbeginn von 17 Prozent in CHF gerechnet versus MSCI World, Stand 10.4.23).
Konsensschätzungen auf dem Prüfstand
Die europäischen Automobilhersteller setzen sich hohe Ziele hinsichtlich der Einführung von batteriebetriebenen Modellen (battery electric vehicles, BEV). Die Mehrheit plant bis 2030 einen BEV-Anteil am gesamten Verkaufsumsatz von 80 Prozent. Dies ist auch notwendig, da die Europäische Union kürzlich ein Gesetz verabschiedete, indem ab 2035 keine mit Benzin oder Diesel betriebenen Neuwagen verkauft werden dürfen. Fakt ist aber: Bei den Herstellern ist derzeit nur etwa jedes zehnte hergestellte Automobil ein BEV. Europäische Autohersteller haben somit noch viel zu tun, um die selbstgesteckten kurz- und langfristigen Verkaufsziele zu erreichen.
Die Umstellung der Produktion von Verbrenner- auf Elektrofahrzeug sowie der Aufbau von Batteriekapazitäten werden starke finanzielle Auswirkungen haben. Dies zeigt insbesondere der Vergleich zwischen erwartetem Operating Cashflow 2023 und den geplanten Gesamtinvestition in die Umstellung auf Elektrofahrzeuge bis 2030. Demnach übersteigen die Investitionen den Cashflow mehrfach.
Anteil BEV an verkauften Fahrzeugen |
BEV-Ziele |
Operating Cashflow |
BEV Invest-ments (in Mrd. USD) |
||
2021 | 2022 | 2030 | 2023E | 2030 | |
BMW | 3.00% | 7.00% | 50% | 18.9 | 36.5 |
Mercedes-Benz | 10.00% | 13.00% | 100% | 18.3 | 37.0 |
Renault | 10.00% | 12.00% | 100% | 5.3 | 11.8 |
Stellantis | 6.00% | 10.00% | 100% | 23.3 | 35.5 |
Volkswagen | 8.00% | 8.00% | 80% | 38.9 | 122.0 |
Volvo | 4.00% | 11.00% | 100% | 2.5 | 7.1 |
Quelle: Reuters, Bloomberg, Company Information
Demzufolge müssen Aktionärinnen und Aktionäre von Automobilherstellern kurz- bis mittelfristig sowohl mit niedrigeren Margen als auch einem tieferen Free Cashflow und Gewinn je Aktie rechnen, sollte es den Autobauern nicht gelingen, die zusätzlichen Investitionskosten an die Kundschaft weiterzugeben. Die Kostenumlage dürfte sich im aktuellen Marktumfeld mit hoher Inflation, einer geringeren Konsumkaufkraft und starken Preissenkungen im Elektrofahrzeugsegment als kaum realistisch erweisen.
Produktionsverlagerungen in subventionsfreundliche Regionen
Im Kampf gegen den Klimwandel sprechen Staaten hohe Subventionen zur Förderung der Elektromobilität. Das kommt auch Zulieferern zugute. Beispielhaft ist hier der Inflation Reduction Act (IRA) aus den USA zu nennen. Neben direkten Prämien für Käufer von Automobilien (BEV) in der Höhe von USD 7'500 gibt es auch etliche Steuervorteile, um die Batterieproduktion in den USA anzukurbeln und die Abhängigkeit von China zu verringern. Hier werden nahezu alle Komponenten des BEV-Antriebsstrangs grosszügig bedacht. Dies führt schon jetzt dazu, dass europäische Automobilhersteller den weiteren Ausbau in Europa auf Eis legen und Batteriekapazitäten eher in den USA und Kanada aufbauen.
Die Europäische Union reagiert auf die Abwanderungstendenz der Automobilhersteller mit den beiden Gesetzesvorschlägen «Critical Raw Materials Act» und «Net Zero Industry Act». Beide stehen derzeit pendent zur Abstimmung. Sie sollen die Abhängigkeit von China verringern und den Wettbewerb mit den USA und China intensivieren.
Implikationen für Anlegerinnen und Anleger
Aus Bewertungssicht ist der europäische Automobilsektor eindeutig attraktiv und wird im Vergleich zum globalen Sektor zu sehr niedrigen Multiples gehandelt.
Trotzdem spiegeln die Bewertungen die fundamentalen Herausforderungen, mit denen der Sektor in den kommenden Quartalen konfrontiert sein wird, nicht vollständig wider. Wir glauben deshalb, dass der Sektor aus drei Gründen keine attraktive Anlagemöglichkeit bietet:
- Die operative Marge wird in den kommenden Quartalen unter Druck stehen. Die Automobilindustrie ist ein sehr kapitalintensives Geschäft. Die Kombination aus schwacher Nachfrage und steigenden Investitionen zur Unterstützung der Einführung von Elektrofahrzeugen macht das derzeitige Rentabilitätsniveau unhaltbar.
- Der Übergang zu Elektrofahrzeugen wird erhebliche Investitionen in die Automobil-Lieferkette erfordern, um potenzielle geopolitische Risiken und Pandemierisiken zu minimieren. Dies dürfte die Rentabilität der Branche über mehrere Jahre belasten.
- Das steigende Rezessionsrisiko weist auf eine weltweit schwächere Nachfrage hin, die sich noch nicht in den Markterwartungen in Bezug auf Umsatz und Marge niedergeschlagen hat.